Im Hafen

Meine Segelyacht habe ich im Hafen vertäut. Sturmsicher festgebunden. Obwohl es hier hinter der Hafenmauer kaum Wind gibt. Sicher ist sicher.

Das gesamte Schiff ist überholt. Kanister und Vorratsraum sind voll. Die Instrumente sind geprüft. Das Schiff ist bereit und wartet.

Ich bin es nicht. Ich warte auch. Aber worauf?

Noch habe ich nicht alle nautischen Karten studiert. Nicht alle meteorologischen Informationen ausgewertet. Nicht alle Checklisten zum dritten Mal durchgearbeitet. Ich bin Spezialist geworden im Erfeinden von fadenscheinigen Entschuldigungen. Ein Selbstbetrüger.

Wohin will ich? Weg, das ist klar. Aber wohin? Kann „weg“ ein Ziel sein? Seit Wochen liege ich mit meiner Yacht hier. Noch keine Sekunde auf hoher See. Dabei habe ich extra den Hochseeschein gemacht. Extra dieses Boot gekauft. Meinen Traum verwirklichen – das war die Absicht.

Dennoch zögere ich. Leinen lösen. Segel hissen. Den festen Boden verlassen. Freiheit. Ein seltsames Tier. Will ich auf die andere Seite des Horizonts mit all seinen Unsicherheiten? Ist doch schön hier im Hafen.

Türe

Sie ist zu.

Stehe ich davor? Oder stehe ich dahinter? Gehe ich hinein? Oder gehe ich heraus?
Die Türe vor mir. Ein weisses Rechteck. Normmass. 834 x 2097.
Mit einer metallenen Klinke und einem Schloss. Der Schlüssel steckt.
Und jetzt?

Meine Türe für meinen neuen Tag. Nehme ich die Herausforderung an und öffne sie? Lasse ich sie geschlossen und warte?
Worauf? Auf Hilfe? Auf Erkenntnis? Bin ich mutig? Gehe ich weiter? Bleibe ich im Zimmer von heute?
Nein. Ich will weiter.

Meine linke Hand auf der Klinke. Ich drücke sie. Kühles Metall. Die Türe ist verschlossen. Ich drücke nochmals. Verschlossen. Nochmals. Nochmals. Gleiches Tun bringt gleiches Resultat. Die Türe bleibt zu.

Ich will eine Veränderung. Meine rechte Hand fasst den Schlüssel und dreht ihn entschlossen nach links. Zweimal.
Und jetzt?

Aufstehen

Bevor ich aufstehe, erwache ich. Will mich nicht schlafwandelnd bewegen.

Will meinen Weg zusammen mit all meinen Sinnen und meinem Bewusstsein unter die Füsse nehmen. Am liebsten aufrecht. Nicht gebückt. Nicht mit einem Knick in der Hüfte. Im Gegenteil. Mein gerader Rücken strahlt Präsenz aus. Mein Kopf ist erhoben. Nicht einfach ungefähr. Sondern bewusst. Selbstbewusst. Nicht überheblich. Das Lächeln auf meinen Lippen zeugt von Zuversicht. Ich bin hier. Bereit für das Kommende. Komm Leben, ich bin bereit für dich.

Den Weg, den ich gehen will, kenne ich nicht. Bin ihn noch nie gegangen. Habe eine nahezu klare Vorstellung meines Ziels. Ich weiss nicht, was morgen sein wird. Ich tue heute alles, damit morgen das geschehen wird, was ich vom Morgen erwarte. Das habe ich gestern schon gemacht. Und vorgestern. Heute war gestern morgen.

Ich bleibe flexibel und meinen Zielen treu. Ich vertraue meinen Fähigkeiten und meiner Kraft. Mutig. Zuerst stehe ich auf.

Entscheiden

Ja. Jetzt. Ohne zu zögern. Oder nach langem Nachdenken. Egal. Das Hin und Her hat ein Ende. Nach der Entscheidung geht es weiter. Weiter, bis zur nächsten Entscheidung.

Entscheide ich nicht, bleibt das Thema in meinem Rucksack. Wird täglich schwerer. Drängt mich. Verfolgt mich. Lässt mich nicht in Ruhe. Will gelöst sein. Aufgelöst.

Ich kann sie gut sammeln. Die nicht entschiedenen Themen. Fein säuberlich verpackt in nummerierten Couverts. Oder Klarsichtboxen, damit der Inhalt ersichtlich bleibt. Lässt sich bestens stapeln. Im Rucksack. So lange Platz ist. Oder im Keller. Oder Estrich. Aus den Augen. Aber nicht aus dem Sinn.

Garantiert ist, dass die nächste Entscheidung nicht die letzte sein wird. Es warten noch viele auf mich. Das ist wunderbar.

 

Eiche

Sie war schon da, als ich kam.

Sie wird noch hier sein, wenn ich wieder gehe. Tief verwurzelt. Reist in anderen Dimensionen. Standhaft. Behauptet sich gegen viele Widrigkeiten. Kraftvoll. Selbstbewusst.

Je höher sie die Krone wachsen lässt, desto tiefer verwurzelt sie sich in den Boden. Harmonisches Wachsen im Gleichgewicht. Je höher desto tiefer. Ausgewogen. Zum Licht hin, aber in der Tiefe fussend. Bodenständig. In der Heimat verankert.

Sie wächst für sich alleine auf dem Feld stehend hoch. Noch höher wird sie im Wald. Inmitten anderer Bäume gedeiht sie besser, entfaltet mehr Kraft und Wachstumsenergie. Im Team. Das Leben als Einzelgängerin tut ihr gut, im Zusammenspiel mit anderen schöpft sie noch mehr Potenzial aus.

Miteinander.

aufmerksam

Ich gehe mit offenen Sinnen durch die Zeit.

Ich sehe. Ich höre. Ich rieche. Ich schmecke. Ich taste. Ganz bewusst. Ich bin aufmerksam.

Das Öffnen der Sinnestüren bringt mir zwei wertvolle Erfahrungen. Von innen nach aussen und von aussen nach innen. Eindrücke gelangen einfacher in mich hinein. Ich empfange sie wohlwollend, verarbeite sie und nehme sie auf. Sie machen mich reicher. Durch das bewusste Wahrnehmen meiner Umgebung werde ich Teil meines Lebens. Ich trete in Kontakt mit dem Aussen. Öffne mich meiner Umgebung. Lasse zu.

Ich werde aufmerksam für Veränderungen. Ich nehme Nuancen wahr. Erkenne Unterschiede. Erlebe das Wetter auf meiner Haut. Die Kühle des Morgens. Die Wärme der Sonne. Ich nehme das Essen aufmerksam zu mir. Erschmecke dessen Facetten. Ich höre. Und höre zu. Bewusst. Ich bin ein sinnlicher Mensch.

Horizont

Der Blick auf die Schuhspitzen senkt den Kopf.

Schränkt die freie Atmung ein. Lässt die Schultern zusammenfallen. Schliesst den Blickwinkel auf zwei Punkte.

Kopf hoch. Blick vorwärts. Schultern zurück. Tief atmen. Jetzt der erste Schritt nach vorn in Richtung Horizont. Wissend, dass dahinter der nächste Horizont ist. Und noch einer. Und wieder. Immer zum Horizont gehen umrundet die Welt.

Optimistischer Aufbruch in Blickrichtung. Freie Gedanken. Freier Geist. Ich erobere die Welt. Sie hat auf mich gewartet.