Fluss

Neulich sass ich am Fluss und schaute ins vorbeiströmende Wasser. Freute mich am reflektierenden Licht der untergehenden Sonne. Wärme stieg in mir auf. Ruhe. Zufriedenheit. Kurzentschlossen zog ich meine Kleider aus und glitt ins Nass. Nackt. So wie ich in diese Welt gekommen war. Frische umfing mich. Wasser. Genau wie damals. Heimat.

Ich schliesse die Augen spüre den Zug des Wassers. Tauche unter. Gebe den Kontakt zum Boden auf. Übergebe mich dem Fluss und seiner Kraft. Keinen Widerstand leisten. Hingabe. Er nimmt mich mit. Fraglos.

Eins werden mit dem Element Wasser. Verschmelzen.

Ich gleite. Sanft. Stetig. Kein Ruckeln. Eine gleichmässig weiche Bewegung entführt mich. Das Ziel ist unausweichlich. Das Meer. Dort enden alle Flüsse. Ich komme mit.

Schritt

Zögerlich? Mutig? Vorsichtig? Sicher? Leise? Polternd? Vorwärts? Rückwärts? Hoch? Runter?

Ein Schritt. Ein erster Schritt. Vielleicht ein zweiter gleich danach. Der Anfang eines Weges. Aufmachen für die Reise. Meine beginnt mit dem ersten Schritt. Benötigt danach ganz viele weitere. Vielleicht ist schon ein Schritt eine Reise. Reisen ohne zu Schreiten. Mikrokosmos.

Wie oft habe ich mir den Weg vorgestellt? Tage. Wochen. Jahre. Immer wieder daran gedacht, diesen ersten Schritt zu tun. Unsicher, ob er der richtige sei. Abgewogen. Geprüft. Versucht zu berechnen, was denn heraus käme, machte ich diesen Schritt. Habe mir Varianten vorgestellt. In Optionen gedacht. Ohne auch nur einen Schritt zu machen. Und wenn er falsch ist?

Egal. Ich hatte genug davon. Genug vom Zaudern. Genug vom Rechnen. Genug vom Abwägen. Ich will gehen. Mich aufmachen um weiter zu kommen. Vielleicht war der erste Schritt nicht passend. Mit dem zweiten passte ich ihn etwas an. Und mit dem dritten erneut. Justieren. Das Gleichgewicht suchend bewegte ich mich. Schritt um Schritt. Vorwärts. Das Gleichgewicht findend hob ich meinen Blick und schaute zum Horizont, der, obwohl stetig näherkommend, dennoch unerreichbar fern blieb.

Ich bin unterwegs.

Anzeigetafel

Die Uhr tickt. Ich schaue nicht hin.
Termine stehen an. Ich blende sie aus.
Das Alarmsignal leuchtet. Interessiert mich nicht.
Die Energie geht aus. Ich ignoriere das.
Das Cockpit blinkt dunkelrot. Na und?

Weiter. Schneller. Höher. Teurer. Ohne Beachtung der Informationen der Systeme. Effizient bleiben. Auch wenn die Effektivität längst verloren gegangen ist. Hocheffizient das Falsche tun. Weg vom stimmigen Weg. Sackgasse. Holzweg. Weit entfernt von mir.

Die Anzeigetafel mit den wichtigsten Instrumenten zur Dokumentation der Situation ist eine ausgezeichnete Erfindung. Der Umgang damit eine herausfordernde Angelegenheit. Lernen mit den Meldungen umzugehen. Für wahr nehmen. Hinschauen. Auswerten. Handlungen und Verhaltensweisen anpassen. Ein steter Prozess. Planen. Tun. Prüfen. Anpassen.

Das Cockpit meines Lebens ist einfach gestaltet. Wenige dafür prägnante Rückmeldungen meiner Systeme. Die fünf Apparate heissen „Tut mir gut“, „Bringt mich weiter“, „Ist ethisch“, „Entspricht meinen big five for life“, „Schafft Mehrwert“. Je drei Leuchten: grün, orange und rot. Sukzessive sind die roten Tätigkeiten so verändert worden, dass die Signale erst orange und dann grün wurden. Die grünen werden gefördert.

Und täglich wird geprüft, ob nicht der Stromkreis, der Kontakt oder die Lämpchen defekt sind. Nicht nur das Cockpit prüfen, sondern auch das System.

Im Hafen

Meine Segelyacht habe ich im Hafen vertäut. Sturmsicher festgebunden. Obwohl es hier hinter der Hafenmauer kaum Wind gibt. Sicher ist sicher.

Das gesamte Schiff ist überholt. Kanister und Vorratsraum sind voll. Die Instrumente sind geprüft. Das Schiff ist bereit und wartet.

Ich bin es nicht. Ich warte auch. Aber worauf?

Noch habe ich nicht alle nautischen Karten studiert. Nicht alle meteorologischen Informationen ausgewertet. Nicht alle Checklisten zum dritten Mal durchgearbeitet. Ich bin Spezialist geworden im Erfeinden von fadenscheinigen Entschuldigungen. Ein Selbstbetrüger.

Wohin will ich? Weg, das ist klar. Aber wohin? Kann „weg“ ein Ziel sein? Seit Wochen liege ich mit meiner Yacht hier. Noch keine Sekunde auf hoher See. Dabei habe ich extra den Hochseeschein gemacht. Extra dieses Boot gekauft. Meinen Traum verwirklichen – das war die Absicht.

Dennoch zögere ich. Leinen lösen. Segel hissen. Den festen Boden verlassen. Freiheit. Ein seltsames Tier. Will ich auf die andere Seite des Horizonts mit all seinen Unsicherheiten? Ist doch schön hier im Hafen.

Türe

Sie ist zu.

Stehe ich davor? Oder stehe ich dahinter? Gehe ich hinein? Oder gehe ich heraus?
Die Türe vor mir. Ein weisses Rechteck. Normmass. 834 x 2097.
Mit einer metallenen Klinke und einem Schloss. Der Schlüssel steckt.
Und jetzt?

Meine Türe für meinen neuen Tag. Nehme ich die Herausforderung an und öffne sie? Lasse ich sie geschlossen und warte?
Worauf? Auf Hilfe? Auf Erkenntnis? Bin ich mutig? Gehe ich weiter? Bleibe ich im Zimmer von heute?
Nein. Ich will weiter.

Meine linke Hand auf der Klinke. Ich drücke sie. Kühles Metall. Die Türe ist verschlossen. Ich drücke nochmals. Verschlossen. Nochmals. Nochmals. Gleiches Tun bringt gleiches Resultat. Die Türe bleibt zu.

Ich will eine Veränderung. Meine rechte Hand fasst den Schlüssel und dreht ihn entschlossen nach links. Zweimal.
Und jetzt?

Aufstehen

Bevor ich aufstehe, erwache ich. Will mich nicht schlafwandelnd bewegen.

Will meinen Weg zusammen mit all meinen Sinnen und meinem Bewusstsein unter die Füsse nehmen. Am liebsten aufrecht. Nicht gebückt. Nicht mit einem Knick in der Hüfte. Im Gegenteil. Mein gerader Rücken strahlt Präsenz aus. Mein Kopf ist erhoben. Nicht einfach ungefähr. Sondern bewusst. Selbstbewusst. Nicht überheblich. Das Lächeln auf meinen Lippen zeugt von Zuversicht. Ich bin hier. Bereit für das Kommende. Komm Leben, ich bin bereit für dich.

Den Weg, den ich gehen will, kenne ich nicht. Bin ihn noch nie gegangen. Habe eine nahezu klare Vorstellung meines Ziels. Ich weiss nicht, was morgen sein wird. Ich tue heute alles, damit morgen das geschehen wird, was ich vom Morgen erwarte. Das habe ich gestern schon gemacht. Und vorgestern. Heute war gestern morgen.

Ich bleibe flexibel und meinen Zielen treu. Ich vertraue meinen Fähigkeiten und meiner Kraft. Mutig. Zuerst stehe ich auf.

Entscheiden

Ja. Jetzt. Ohne zu zögern. Oder nach langem Nachdenken. Egal. Das Hin und Her hat ein Ende. Nach der Entscheidung geht es weiter. Weiter, bis zur nächsten Entscheidung.

Entscheide ich nicht, bleibt das Thema in meinem Rucksack. Wird täglich schwerer. Drängt mich. Verfolgt mich. Lässt mich nicht in Ruhe. Will gelöst sein. Aufgelöst.

Ich kann sie gut sammeln. Die nicht entschiedenen Themen. Fein säuberlich verpackt in nummerierten Couverts. Oder Klarsichtboxen, damit der Inhalt ersichtlich bleibt. Lässt sich bestens stapeln. Im Rucksack. So lange Platz ist. Oder im Keller. Oder Estrich. Aus den Augen. Aber nicht aus dem Sinn.

Garantiert ist, dass die nächste Entscheidung nicht die letzte sein wird. Es warten noch viele auf mich. Das ist wunderbar.